Gerade mal 16 Jahre alt ist Lysanne Neumann und wohnt bereits in ihrer ersten eigenen Wohnung, um in Bad Nauheim als Torhüterin Eishockey bei den Roten Teufeln auf einem hohen Niveau spielen zu können. Vor gut einem Jahr traf sie diese mutige Entscheidung, um ihre sportlichen Träume zu verwirklichen.
„Man muss schon ein wenig verrückt sein, um sich freiwillig von diesen Pucks beschießen zu lassen“, hört Lysanne immer wieder mal von Zuschauern. Immerhin bekommt so eine Hartgummi-Scheibe um die 100 km/h und mehr, bevor sie aufprallt. Ob sie keine Angst hätte, so die Frage. Dies beantwortet sie mit einem dezenten Lächeln und einem Kopfschütteln: „Dann wäre ich wohl falsch an dieser Stelle“. Blaue Flecken seien keine Seltenheit und ein Halswirbel hatte sich auch schon mal verschoben, als ein Puck seitlich auf die Maske traf. Aber dafür gebe es ja gute Osteopathen, die Abhilfe leisten würden, fügt sie schmunzelnd hinzu.
Mit 3 Jahren stand Lysanne schon das erste Mal in der Laufschule bei den Realstars Bergisch Gladbach auf dem Eis. Zwei Jahre später gab es dann die erste Begegnung mit den Roten Teufeln in Bad Nauheim, woran sich Lysanne – damals noch Feldspielerin - noch gut erinnern kann. „Ich hatte richtig großen Respekt vor dem Gegner, allein schon wegen des Namens“ erinnert sie sich. „Wir haben verloren und dann waren wir nach dem Spiel dort im Vereinsheim und ich habe die ganzen Pokale gesehen. Ich war sehr beeindruckt und ich glaube in diesem Moment war klar, dass ich mal ein Roter Teufel werden möchte.“
Was damals nur ein Kindheitstraum war, ist heute Realität: Mit einer stattlichen Größe von 1 Meter 80 gibt sie dem U20 Team der Roten Teufel den nötigen Rückhalt im Tor. „Wenn ich mir etwas vor-nehme, dann will ich mein Ziel auch erreichen“, so die Athletin rückblickend. In der Saison 2023/2024 hat sie mit ihrem damaligen U17 Team der Wiehl Penguins den Meistertitel der Regionalliga NRW geholt. Im selben Jahr hat sie bereits eine Förderlizenz nach Bad Nauheim bekommen und sich hier unter Trainer Marcus Jeh-ner einen festen Platz im Team erarbeitet.
Es ist beeindruckend und auch außergewöhnlich, dass ein junges Mädchen diesen Schritt geht und sich entscheidet, ganz allein zu wohnen, um Eishockey zu spielen“, sagt der Nachwuchstrainer. „Lysanne ist in der Mannschaft absolut geschätzt und nicht mehr wegzudenken – eine tolle Torhüterin, auf die sich alle verlassen. Sogar in der U20 hat sie schon erfolgreich ausgeholfen.“
Lysannes Tage sind vollgepackt mit Trainingseinheiten, Schulunterricht, Praktika und dem Alltag in ihrer eigenen Wohnung. Sie kümmert sich um alles selbst, einschließlich kochen und Wäsche waschen, denn ihre Eltern wohnen 1,5 Auto-Stunden entfernt. „Wenn Mutti kommt, darf sie dann schon mal Geschirr spülen, aber ins Schlafzimmer lasse ich sie nicht, das ist zu unordentlich“ verrät sie lachend.
Die Entscheidung von Wiehl ganz nach Bad Nauheim zu wechseln traf sie noch vor ihrem mittleren Schulabschluss im Juni 2024, da war sie gerade mal 15 ½ Jahre alt. Eine Wohnung zu finden war nicht leicht, da sie als Mädchen nicht im Spielerhaus wohnen konnte. Doch gemeinsam mit ihrer Mutter richtete sie eine kleine Wohnung in der Kurstadt ein – und setzte ihren Plan in die Tat um. Parallel organisierte sie sich einen Schulplatz an der Beruflichen Schule am Gradierwerk und absolviert derzeit eine Ausbildung zur Sozialassistentin. „Es ist wichtig für mich eine solide Grundlage für meine Zukunft zu schaffen“, erklärt sie und führt aus, dass sie im Anschluss bereits die Weiterbildung zur Heilerziehungspflegerin für nächstes Jahr plane.
Neben dem Sport in Bad Nauheim ist Lysanne auch beim deutsch-landweiten Verein girlseishockey.de aktiv. Hier werden außerhalb der Saison Turniere, die vor allem der Förderung des Fraueneishockeys in Deutschland dienen, organisiert. Dafür ist sie in diesem Jahr schon drei Mal nach Tschechien gereist um auch auf interna-tionalem Parkett wertvolle Erfahrungen zu sammeln.
Ein besonderer Erfolg gelang ihr im Juli beim Turnier World Selects Invitational Girls U16 in Prag. Dort trat ihr Team, die Germany Selects U16, gegen 11 internationale Auswahl-Teams an. Mit einer Fangquote von 0,963 setzte sie sich auf Platz Eins der Torhüter-Statistik des Turniers – noch vor den starken Keeperinnen aus Tschechien und Nordamerika. In diesem Fall konnte sie in ihrer Spielzeit ganze 104 von 108 Schüssen auf ihr Tor abwehren.
Ihr Erfolgsrezept sei ein starker Wille, Fokussierung und Disziplin, meint sie. „So oder so muss aber am Ende die Leistung stimmen, um sich als Goalie in den hochklassigen Teams einen Platz zu sichern“, betont Lysanne abschließend.